Eine Frage der Ebene – Psychologiekolumne

eingetragen in: Kultur, N°24 | 0

Ich bin immer wieder erstaunt, welche Vorstellungen Menschen von der Psyche und ihrer Funktionsweise haben. Mir scheint es da einige weitverbreitete Missverständnisse zu geben, die umso verblüffender sind, als ja jeder eine Psyche besitzt und somit über Erfahrungen aus erster Hand verfügt.

 

„To a man with a hammer, everything looks like a nail.“

Mark Twain

 

Zum einen fällt mir immer wieder auf, dass Vielen nicht bewusst ist, dass unsere Realität aus verschiedenen Ebenen aufgebaut ist. Am Beispiel des Menschen kann man unter anderem sagen, dass ein Mensch aus Atomen besteht. Das ist eine sehr grundlegende Ebene auf der man ebenso gut einen Stein, ein Stück Kohle oder eine Goldmünze beschreiben könnte. Beschreibungen auf der Ebene der Atome fallen hauptsächlich in das Gebiet der Physik. Als weitere Ebene könnte man dann die Verbindung von Atomen zu Molekülen sowie die Reaktionen von Molekülen untereinander beschreiben. Diese Ebene bezeichnen wir in der Regel als Chemie. Eine nächste Ebene – in der Regel sprechen wir von einer nächsthöheren – beginnt dort, wo die Chemie endet. Wir reden dann plötzlich von „Leben“ im Gegensatz zu toter Materie. Das ist ein faszinierender Sprung, den man wenn wir ehrlich sind, nicht wirklich erklären kann. Ein Lebewesen ist etwas qualitativ ganz Anderes als ein Haufen unbelebter Elemente. Vergleicht man nun die Ebene der Physik mit der Ebene der Biologie sieht man mit der Zeit, dass man Atome so lange beobachten kann wie man nur möchte, man wird auf dieser Ebene kein Leben finden oder auch nur irgendetwas entdecken, was auf Leben hindeutet. Wissenschaftler bezeichnen dieses Prinzip als Emergenz. Es bedeutet, dass aus Grundbausteinen etwas hervorgeht – emergiert – das in den Grundbausteinen selbst eigentlich gar nicht enthalten ist. Gestaltpsychologen haben für dieses Phänomen in einem anderen Zusammenhang das Bonmot geprägt: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“

Als wäre das noch nicht erstaunlich genug, hat sich in Form des Menschen eine Psyche entwickelt. Die menschliche Psyche hat Sprachen und Kulturen hervorgebracht und ist schließlich für alles verantwortlich was der Mensch geschaffen hat.  Die physikalische, die chemische, die biologische und die psychische Ebene existieren insofern unbestritten, als sie Beschreibungsebenen sind auf denen man ganz unterschiedliche Prozesse beschreiben kann, die zum Beispiel im Menschen ablaufen. Nach meiner Erfahrung gibt es nun verschiedenste Missverständnisse, was die gegenseitige Beeinflussung dieser Ebenen betrifft. Ferner scheint bei vielen Menschen Verwirrung zu bestehen welche Ebenen bei der Beschreibung von Problemen und Lösungen heranzuziehen sind.

Schauen wir zunächst die Beeinflussung zwischen den Ebenen an. In gewisser Weise sind die Ebenen hierarchisch aufgebaut. Die Psyche benötigt einen Körper – also die Biologie – und diese wiederum funktioniert nur durch chemische Prozesse der physikalischen Elemente. Selbstverständlich kann man daher mit einer physikalischen Methode (Hitze, Kälte, Strahlung, Krafteinwirkung), einer chemischen Methode (Alkohol, Drogen, Medikamente) oder einer biologischen Methode (Viren, Bakterien) auf die Psyche einwirken. Aber eben nur sehr unspezifisch. In den letzten Jahren lese ich immer häufiger, dass zur Behandlung psychischer Störungen mit Operationen experimentiert wird. Mir erscheint das ungefähr so sinnvoll als würden Sie wenn Ihnen ein Computerprogramm abgestürzt ist als erstes den Rechner aufschrauben und an der Hardware herumbasteln. Natürlich kann es auch mal beim Menschen „Hardware“-Probleme geben. Der Großteil der psychischen Erkrankungen wie z. B. Depressionen, Angsterkrankungen, Zwangserkrankungen, Essstörungen und Posttraumatische Belastungsstörungen sind jedoch psychische Erkrankungen im wahren Sinne des Wortes. D. h. sowohl ihre Ursache als auch ihre Lösung sind auf der psychischen Ebene zu suchen und zu finden. Auf der alltäglichen Ebene gilt das selbe etwa für die Suche nach Glück, Zufriedenheit, Liebe, Wohlbefinden.

Die unteren Ebenen bilden dabei wie gesagt die Basis für die höheren Ebenen. Insofern sind sie unbedingt notwendig. Sie sind jedoch nicht hinreichend dafür etwas Bestimmtes (z. B. „Glück“) auf der höheren Ebene herbei zu führen. Damit haben sie die Macht die höheren Ebenen zu (zer)stören, wenn etwas nicht funktioniert. Eine Verletzung, eine Vergiftung oder eine Infektion kann das (psychische) Wohlbefinden stark beeinträchtigen oder im Extremfall die Psyche töten. Das heißt noch lange nicht, dass wir uns glücklich fühlen, wenn wir nicht verletzt, vergiftet oder krank sind.

Trotzdem sitzt der Glaube bei vielen Menschen tief, Wohlbefinden, Glück oder Zufriedenheit mit Operationen, Medikamenten, Drogen oder Ernährung herbei führen zu wollen. Hier wird sowohl das Problem auf der falschen Ebene vermutet als auch die Lösung auf der falschen Ebene gesucht. Natürlich kann man mit einem Medikament nachhelfen schneller einzuschlafen oder mit Alkohol kurzfristig seine Gefühle betäuben. Aber ich wage sehr zu bezweifeln, ob man durch den Konsum von Substanzen oder Manipulationen am Körper Gedankeninhalte und Gefühle inhaltlich verändern kann.

Auch von „oben“ nach „unten“ können sich Ebenen natürlich beeinflussen. Ein bewusster und kontrollierter Einfluss der Psyche auf den Körper besteht in der Regel nur in Bezug auf die sog. willkürliche Muskulatur. Also den Bereich, den wir als „Verhalten“ bezeichnen. Einen entscheidenden, aber häufig unbewussten Einfluss hat die Psyche hingegen auf andere körperliche Funktionen wie z. B. Herzschlag, Atmung, Magen-Darm-Tätigkeit oder Schwitzen. Das können Sie leicht überprüfen indem Sie sich lebhaft eine Situation in Erinnerung rufen, in der Sie starke Angst hatten.

Bevor Sie also nächstes Mal vorschnell zu Ihrer Lieblingslösung greifen, überprüfen Sie zunächst, ob Sie sich überhaupt auf der richtigen Ebene befinden.

 

Dr. Alexander Noll leitet als Psychotherapeut eine Privatpraxis in Berlin und gibt Seminare und Workshops in ganz Deutschland.

www.dr-alexander-noll.de