ESTATE GALLERY Starnberg – etwas gebären, was noch nicht existiert

eingetragen in: Kultur, N°5, Seestyle Magazin | 0

Die Kunst ist ein Schritt vom sichtbaren Bekannten zum verborgenen Unbekannten.
Khalil Gibran

David Hebgen ist Künstler. Bildender Künstler und Lebenskünstler – und Kunstmäzen in spe.
Und so einiges mehr. „Mögen Sie abstrakten Expressionismus?“ fragt er mich als erstes, als ich die ESTATE – GALLERY in der Starnberger Hauptstraße 18 betrete, die er kürzlich zusammen mit seiner Partnerin Karin von Weidenbach eröffnet hat. Und als zweites: „Welches Bild spricht Sie am meisten an?“
Ein lebendiger, philosophischer Redefluss sprudelt aus ihm heraus.
Dann hält er inne, lässt mich durch den Raum streifen, wartet ab – geduldig und wachsam zugleich. Ich zeige auf eines der großformatigen Bilder, das mir sofort aufgefallen ist. Eine Komposition aus Lila, Silber und Knallgelb, mit Aufwölbungen und spröden Strukturen. „Interessant“, sagt er. „Es sind immer leidenschaftliche Menschen, die auf dieses Bild reagieren.“ Und ich fühle mich fast ein bisschen durchleuchtet.

Doch für David Hebgen ist diese Herangehensweise ganz normal. Für ihn sind Bilder die Fenster zur Seele – beim Künstler ebenso wie beim Betrachter – und schon nach einer Minute in der ESTATE – GALLERYwird einem klar: Hier kommt man nicht als Zaungast in ein abgehobenes Refugium, in dem man sich kaum zu flüstern traut – hier stolpert man mitten hinein in eine Welt, in der Kunst lebendig ist; in der Jazz aus Lautsprechern fließt, wo Kaffeetassen und Aschenbecher auf einem weißem Tisch mit stoffbezogenen Stühlen stehen. „Vorsicht, die sind noch etwas feucht, die Hussen habe ich gerade frisch gewaschen“, lächelt Karin von Weidenbach. die als Maklerin, Galeristin und studierte Innenarchitektin auch gerne den Kunden als Einrichtungsberaterin zur Verfügung steht und im Zuge dessen, David Hebgen auch schon mehrfach zur Gestaltung eines Gemäldes, speziell für das Maß eines vorgesehenen Platzes, in der gewünschten Farbwelt des Klienten, überzeugen konnte.

Galerist David Hebgen ist, wie gesagt, selbst Künstler – und in gewissem Sinne Anarchist. Auf große Namen gibt er nichts, vom Kunstmarkt ist er enttäuscht – denn eben dieser setzt vor allem auf große Namen statt auf Schönheit, Ästhetik und Emotion. Eine akademische künstlerische Ausbildung ist ihm einerlei – denn er besitzt selbst keine. Kunst muss seiner Meinung nach „emotional berühren, etwas bieten, was Sie noch nicht gesehen haben, die Natur quasi ergänzen.“ Und ein Künstler muss „etwas gebären, was noch nicht existent ist, eine Komposition schaffen, die es so noch nie vorher gab.“
Er malt nicht im Atelier, sondern draußen im Garten.
Da steht ein Bild dann schon mal drei Tage im Regen und darf sich entwickeln. „Ich habe teilweise das Gefühl, dass Dinge sich auch selbst gestalten wollen“, sagt er.

Interessante Worte für einen, der lange Zeit Unternehmensberater war. Doch das ist er nicht mehr, denn irgendwann war es aus. „Als Unternehmensberater muss man klar sein, sachlich, mit greifbaren Fakten arbeiten. Und das hat irgendwann nicht mehr funktioniert. Mein Glück lief nicht parallel.“ So landete der heute 49-Jährige über Fragen wie „Was macht glücklich?“ und Betrachtungen zur Differenz zwischen subjektiver Wirklichkeit, Wahrheit und Realität bei den alten Griechen und deren Erkenntnissen wie „Nichts ist so, wie es scheint“ oder „Der Zweifel ist der Anfang der Weisheit“. Und er fing an, sein Leben auf den Kopf zu stellen. Gründlich. Denn eines wollte er nicht: weitermachen, wie bisher. „Wenn ich normalerweise anfange zu planen, kann ich immer nur auf demselben ausgetretenen Waldweg rumlatschen. Will ich aber nicht. Ich möchte sehen, welchen Strauß an Überraschungen das Leben noch zu bieten hat. Dann muss ich mich auf unbekanntes Terrain wagen, frei nach den Regeln: mit leeren Händen ins Leere springen.“ Das tat er. Gab seinen Job auf, orientierte sich um und fing – neben vielen anderen Dingen – an zu malen. Er handelt zusammen mit seiner Partnerin mit Immobilien – und nun ist er ein weiteres Mal ins Leere gesprungen: Er hat mit seiner Partnerin die ESTATE – GALLERY eröffnet, um es auch im Kunstmarkt anders zu machen als die anderen.

Der Traum der beiden ist es, jungen, unentdeckten Künstlern als Podium zu dienen.

Sie möchten ihnen die Möglichkeit geben, unbeschwert ihre Kunst zu entfalten. Eine Art modernes Mäzenatentum ist das. Doch David Hebgen möchte nicht nur finanzieren, sondern auch tatkräftig unterstützen:
„Es gibt jede Menge Bilder, die in die Welt hinaus müssen“,
erklärt er. „Doch die Aufnahme eines Künstlers in den Kunstbetrieb hat eine gewisse Absurdität. Bei den meisten Galeristen wird kaum das Bild betrachtet, sondern es heißt: Hast Du einen Namen, kann ich mit Dir traden? Hast Du Steigerungsraten, ist ein Bild von Dir eine Kapitalanlage?“ Für unbekannte Künstler ist also schon der Anfang meist das Ende.

Hebgen möchte aber keine Kunstwerke für die wenigen Sammler in Deutschland ausstellen, sondern für die vielen Menschen, deren Wände zu Hause leer sind. Für ihn ist klar: Menschen brauchen Bilder, um sich mit Emotionen zu bereichern – und diesen Menschen ist es egal, ob der Künstler einen Namen hat oder nicht; Hauptsache, das Bild spricht etwas in ihnen an, passt zur Einrichtung und ist bezahlbar. Dabei errechnet sich der Wert – und damit der Preis – ganz einfach: „Der Artist bietet ein Bild und braucht dafür einen Gegenwert: Er muss zum Bäcker gehen und sich ein Brötchen holen – und er muss seine weitere Entwicklung finanzieren können“, erklärt Hebgen. „Damit finden wir einen Preis. Ist ein Künstler in der Lage, im Monat EIN richtig gutes Bild zu machen? Dann muss er seine Lebenshaltungskosten und seine Materialien davon finanzieren. Das lässt sich umrechnen.“ David Hebgen sieht ein Bild also als Tauschobjekt. Der Käufer holt sich Emotionen in den Raum – und der Galerist sorgt dafür, dass der Artist seine Arbeit fortführen kann.

„Unser Ziel ist, junger Kunst den Weg in die Welt zu bereiten. Dabei ist es an uns, herauszufinden, was sich bei denen im Kopf abspielt. Ist es Berufung, Leidenschaft? Dann macht es Sinn, mit denen eine Partnerschaft einzugehen und zu sagen, ,Hör mal: Wir nehmen Dir die Angst und die Sorgen und geben Dir Zeit. Hol Dir deine Materialien und mach! Du weißt, die ESTATE – GALLERY ist an Deiner Seite.’ Hätte das mal jemand zu mir gesagt, mein Herz wäre explodiert.“

Hier soll also ein Standort entstehen, bei dem die Leute wissen: Wer hier Kunst kauft, macht nicht die Galeristen reich, sondern fördert ein System. David Hebgen möchte eine Entwicklungshilfe, eine Babystation für Künstler sein. Traum Nummer Zwei – zur besseren Verwirklichung von Nummer eins: Kooperationen mit anderen Galerien in Zürich, Paris, London, Düsseldorf, Berlin: „Dann haben wir irgendwann in zehn Jahren eine Liste von Leuten, von denen wir sagen können: All jene haben wir in die Welt bringen können“, fantasiert Hebgen – und seine Idee scheint keineswegs irreal.

Und Tage später, nachdem ich die Galerie verlassen habe, ärgere ich mich noch immer, dass ich nicht nach dem Preis – nein, dem Wert – des leidenschaftlichen, gelb-lila-silbernen Bildes gefragt habe. Vielleicht könnte ja auch ich einen neuen Künstler in die Welt bringen – in meine eigene Münchner Drei-Zimmer-Welt …

Jutta Mlnarschik