Gegen das Outsourcing der Sinne – das 15 Minuten Projekt

Für jede Facette meines Seins, finde ich ein Gegenüber, der mich maximal stimuliert. In den unendlichen Weiten der Social Media Möglichkeiten, entdecke ich den Hypermenschen, der jedem Mensch in meinem Umfeld überlegen ist und hinter dem sich unendliche Einzelschicksale verbergen. Ich finde denjenigen, der mich zum Lachen bringt, denjenigen, dessen Poesie mich berührt. Der, dessen Intellekt mich anregt und den ich bewundere. Ich entdecke den, den ich Hasse, denjenigen, den ich für das Unglück der Welt verantwortlich mache. Ich finde den, den ich Begehre und dessen Anwesenheit ich mir sehnsüchtig ausmale. Ich finde den, von dem ich mir Weisheit und Glück erhoffe und den, der mir Verständnis und Geborgenheit geben soll. Jeder von den Genannten ist ein Anderer und jeder ist ebenso schnell ersetzbar, wie er in seiner Leistung der Stimulanz versagt.

Und wenn ich selbst zum aktiven Produzenten und Sender in dieser Social Media Welt werde, dann lerne ich schnell, mit welchen Facetten meines Seins ich von den Usern empfangen werde. Ich baue diese „Erfolge“ aus, folge dieser heißen Spur der Anerkennung.

Begegne ich einem Menschen in der realen Welt, bleibt man sich fremd. Wie soll einer alleine mich so stimulieren, wie die unendliche Schar der Sendenden im Netz? Und schlimmer noch, wie sollte ich darauf vertrauen, dass ich ihn stimulieren könnte, habe ich doch gelernt all die Facetten meines Menschseins behutsam zu verbergen. Meine Interaktionen in den Netzwerken haben mich schließlich gelehrt, was Bewunderung hervorruft und was nicht.

Die Vernetzung der Einzelnen Menschen und die Reduktion auf die Facetten des Individuums, welche die höchste und am leichtesten zu konsumierende Stimulanz für Andere sind, ist der logische Schlussakt des Kapitalismus. Es ist die letzte Phase eines Optimierungssprozesses und stellt nicht weniger, als die größt anzunehmende seelische Bedrohung des Menschen da.

Aus dieser Beobachtung möchte ich das „15 Minuten Projekt“ initiieren. Ich möchte anbieten, jedem Menschen der diese Erfahrung machen möchte, 15 Minuten zu begegnen. 15 Minuten, in denen man sich gegenüber sitzt. 15 Minuten in denen man nicht spricht. 15 Minuten in denen man sich einfach nur gegenseitig betrachtet und sich in seinem Dasein erfährt. Nicht mehr – nicht weniger. Eine 15 minütige Betrachtung, die uns auf uns selbst zurückwirft und uns dem Anderen erfahrbar macht.

Ich möchte dazu anregen, das untere Bild an denjenigen zu senden, den Du zu dieser Erfahrung einladen möchtest und ich möchte Dich dazu einladen, diese Erfahrung mit mir zu machen.

Tobias Vetter