Über objektive Qualitätsparameter der zeitgenössischen Kunst

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Eitel, effekthascherisch, narzisstisch, laut, provokativ, banal und handwerklich dilettantisch. So könnte man im Großen und Ganzen die Arbeiten renommierter, zeitgenössischer Künstler beschreiben. Doch im Sumpf dieser Stumpfsinnigkeit gibt es Lichtblicke, denen unumstößliche Qualitätskriterien zugrunde liegen.

 

„Auch schlechte Künstler haben gute Gründe und Absichten“ 

Robert Musil

 

In meiner Zeit als bildender Künstler spulte sich ein Szenario dejavu artig immer und immer auf‘s Neue vor meinen Augen ab, welches meinen Glauben in das Beurteilungsvermögen und die Expertise von Kunstexperten, Sammlern, Galeristen und Kuratoren grundsätzlich erschütterte. Sie waren einfach nicht in der Lage, meine Gemälde – oder die von Kollegen – qualitativ einzuordnen. Das führte in steter regelmäßig dazu, dass sie sich bei einem Treffen nicht den Werken zuwanden, sondern vielmehr dem Lebenslauf und den Referenzen. Dabei wurden die immer gleichen Fragen gestellt, ohne die Werke auch nur eines Blickes zu würdigen:  Auf welcher Kunstakademie wurde studiert? Bei welchem Professor? Meisterschüler? In welchen Sammlungen und Museen ist man vertreten? Welche Galerien zeigen die Arbeiten? Auf welchen Kunstmessen wird man gezeigt?  Anhand dieser Informationen wird der „Wert“ und die „Position“ des Künstlers und seiner Werke bestimmt und beurteilt, inwiefern eine Zusammenarbeit erfolgversprechend für die jeweilige Institution sein könnte. Die eigentliche Arbeit wird nur in Bezug auf Ihre Zugehörigkeit wahrgenommen wie z.B. abstrakte oder figurative Malerei, Skulptur, Video, Installation etc.

Die Institutionen, Galerien und Kuratoren erschaffen sich so ein eigenes Netz an Referenzen und Expertisen – völlig unabhängig von einer neutralen Qualitätsprüfung des eigentlichen Kunstgegenstandes. In den entscheidenen Positionen arbeiten längst nicht mehr diejenigen, die einen fachlichen Sachverstand mitbringen würden. Die Kunstwelt ist ein intrigantes Schlaraffenland reicher, narzisstischer und egozentrischer Persönlichkeiten geworden. Das primäre Ziel ist den Narzissmus zu nähren, das Geld zu mehren und den sozialen Status innerhalb einer ohnehin elitären Schicht zu fördern.

Und so wimmelt der Ausstellungsbetrieb – sei es national oder international – von dilettantischer Kunst und lässt Besucher und Kunstinteressierte ratlos zurück. 

Die Qualität jedes Kunstwerkes jedoch, wird durch zwei grundsätzliche Bereiche definiert: Inhalt und Form. Der berühmte „Ausdruck“ eines Werkes ist letztendlich nur das Resultat daraus. Der „Inhalt“ beschreibt die Motivation oder das Anliegen des Künstlers. Wie die Kunstgeschichte zeigt, umfasst dies ein erstaunlich breites Spektrum.

Bei mittelalterlichen Auftragsarbeiten wurde der darzustellende „Inhalt“ von Kirche oder Staat definiert. Der Künstler verstand sich gar nicht als solcher, sondern vielmehr als Handwerker. Im Impressionismus generiert sich der „Inhalt“ aus der Natur und der Künstler sieht sich selbst als eine Art Katalysator oder Sprachrohr, der den natürlichen Moment konserviert. Im Expressionismus wird der Künstler selbst zum „Inhalt“ seiner Werke. Seine Empfindungen und Wahrnehmungen werden „Inhalt“, wobei es hauptsächlich um die Darstellung einer emotionalen Verarbeitung von Sinneseindrücken geht. Von diesem Moment an, da sich der Künstler selbst zum „Inhalt“ seiner Arbeit ernennt, ist die Büchse der Pandora geöffnet. Denn diese „Ernennung“ wirft die grundsätzliche Frage nach dem eigenen Ich auf. Wer oder was ist das „Ich“, dass ich selbst zum Inhalt meiner Arbeit ernenne? Von hier an kann man in der Kunstgeschichte zwei Parallelentwicklungen erkennen. Zum einen die Fraktion, die das „Ich“ und die Frage nach dem „Wer oder was ist Ich“ zum zentralen Inhalt ernennen. Und die anderen, die die Materie als solches zum „Inhalt“ Ihrer Arbeit haben. Also z.B. die reine Darstellung der Farbe, die für sich selbst bereits das Thema eines Bildes darstellt.

Aus dem „Inhalt“ generiert sich die Form. Der Künstler entscheidet sich z.B. für das Medium der Malerei. Innerhalb der Malerei gelten formale Grundregeln, die für sich genommen recht einfach erscheinen und Ihre Komplexität erst im Zusammenspiel entfalten.

Jede Entscheidung hat eine Konsequenz und die formale Qualität steigt um so mehr, je konsequenter die formalen Mittel verfolgt und eingesetzt werden. Klingt kompliziert und daher möchte ich es an einem Beispiel verdeutlichen. Sobald ich eine Leinwand zur Hand nehme, entscheide ich mich damit für ein Format, welches mein Gemälde begrenzt.

Aus dem Seiten und Längenverhältnis dieser Leinwand resultieren Bereiche, die mehr oder weniger betont werden. (Sie kennen bestimmt den berühmten goldenen Schnitt als Bsp.)

Sobald ich Farbe auf die Leinwand auftrage, hat diese automatisch eine Form, einen Pinselduktus, eine Struktur, eventuell eine Transparenz, einen Farbwert und eine Farbtemperatur. Sobald ich den nächsten Pinsel mit der nächsten Farbe wähle, hat das bereits weitreichende Konsequenzen, da jeder weitere Farbauftrag in direkter Kommunikation mit der vorhandenen Farbe und der gesamten Fläche steht.  Habe ich z.B. eine orangefarbene, homogene erste Fläche gemalt und als zweites eine hellblaue Fläche daneben, entsteht sofort ein Verhältnis, in dem die orangefarbene Fläche nach vorne drängt und die hellblaue Fläche zum Hintergrund wird. Das liegt daran, das Orange eine wärmere Farbtemperatur aufweist.
Wenn ich das also nicht möchte und erreichen will, dass das hellblau auf gleicher Ebene bleibt, dann könnte ich diese z.B. mit einem Dunkelviolett hinterlegen und die hellblaue Farbe etwas trockener und mit einer gewissen Pinselstruktur auftragen. Diese Pinselstruktur sorgt nun dafür, dass das hellblau wieder nach vorne wandert, da unser Auge es als eine feindifferenziertere Fläche, als wie das Orange wahrnimmt und daher davon ausgeht, dass es räumlich weiter vorne sein muß.

So entsteht zwischen den Flächen eine Spannung aus Farbtemperatur einerseits und Struktur andererseits. Die Problematik besteht darin, jeden einzelnen Farbauftrag im Bewusstsein seiner Konsequenzen für sämtliche Bildbereiche  zu setzen und so das Gemälde zu nuancieren und zu einer klaren Aussage zu formen.

Das ist der Grund, warum die Gemälde der meißten Hobbymaler unglaublich flach sind. Sie betreiben eine Malerei, bei dem sich die einzelnen Farbaufträge ständig widersprechen und gegenseitig aufheben, so dass es unmöglich ist, zu einer klaren, formalen Aussage zu kommen. Vergleichbar mit einem Kind, dass sich an ein Klavier setzt und Lang Lang imitiert, in dem es wild auf alle Tasten drischt.

 

Das heißt, dass qualitativ gute Malerei – unabhängig aus welcher Epoche – über logisch und konsequent angewandte formale Mittel verfügt. Jegliche Unlogik der Mittel, oder sich widersprechende Bildbereiche schwächen das Gemälde, machen es unverständlich und irritieren den Betrachter.

Und das ist vollkommen Unabhängig vom „Inhalt“ des jeweiligen Gemäldes. Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um ein Porträt, eine Landschaft oder ein abstraktes Gemälde handelt. Diese Qualitätskriterien gelten natürlich auch für alle weiteren Arten der darstellenden Kunst, wie Video- oder Rauminstallationen. Diese werden eventuell durch weitere Parameter ergänzt wie z.B. Rhythmus, Sprache, Lautstärke, räumliche Tiefe, Materialität etc.

Der Vollständigkeit halber und hoffentlich ohne Verwirrung zu schaffen, möchte ich natürlich nicht unerwähnt lassen, dass in der gehobenen Kunst auch alle Mittel in paradoxer Art und Weise angewendet werden können.

Wie verhält es sich nun mit zeitgenössischer Kunst? Im oberen Abschnitt sprach ich davon, dass der Künstler sein „Ich“ zum Inhalt seiner Arbeit ernennt. Das große Missverständnis kam mit Joseph Beuys. Sein Satz „jeder Mensch ist ein Künstler“, dürfte den meisten geläufig sein und er schuf geradezu die Voraussetzung dafür, dass Heerscharen von jungen Menschen, Anfang der 80er Jahre die Kunstakademien fluteten. Joseph Beuys meinte damit, dass jeder Mensch individuell für seine eigene Menschwerdung verantwortlich ist und die künstlerische Auseinandersetzung eine Möglichkeit darstellt, sich von seinem „Über Ich“, hin zu seinem „wahren Ich“ zu befreien. Von daher sei  naturgemäß auch jeder Mensch ein Künstler.
Passiert ist in geradezu vollständiger Perversion das genaue Gegenteil. Anstatt sich von seinem „Über Ich“ zu befreien, zelebriert und pflegt der moderne Künstler sein Ego geradezu. Es ist also ein komplettes Missverständnis.

Das Resultat daraus sind Arbeiten, die an Stumpfsinnigkeit und Begrenztheit fast nicht zu überbieten sind. Allen voran und bestens bekannt, die Arbeiten von Damien Hirst. Das Ego des Künstlers nimmt die Welt war und schreit in voller Unbescheidenheit seine Plattitüde in die Welt. Und weil die entsprechenden Positionen in der modernen Kunstwelt von Personen gleichen Horizontes besetzt sind, werden Sie dankbar aufgegriffen – man fühlt sich schließlich verstanden und „erkannt“. Jede Gesellschaft hat also nicht nur das politische System was sie verdient, sondern auch den zugehörigen Kulturbetrieb.

Bei der Beurteilung von Kunst empfehle ich eine klare Linie zu ziehen. Einerseits gilt es die Qualität einer Arbeit möglichst objektiv zu beurteilen. Andererseits spielt natürlich die persönliche Präferenz und der eigene Geschmack eine entscheidende Rolle bei der Kunstwahrnehmung. So kann eine Arbeit objektiv recht gut sein, obwohl man selbst einfach keinen Bezug zu Ihr herstellen kann und umgekehrt. Aber bitte hüten sie sich vor der Aussage „entweder mir gefällt eine Arbeit, oder es ist halt nicht mein Geschmack“ – ein Klassiker jeder Vernissage. Machen Sie sich bewusst, das Geschmack und Gefallen nicht gottgegeben sind, sondern kultiviert werden. Es ist die Summe aus bewussten und unbewussten Erfahrungen und Reflektionen und es ist immer Ihre Entscheidung, den Kultivierungsprozess Ihrer Persönlichkeit unermüdlich voran zu treiben.

χ Tobias Vetter

 

Peter Lindbergh

A Different Vision 

on Fashion Photograhpy

Presented at 

Kunsthal Rotterdam 

from September 10th, 2016 

until February 12th, 2017